„Dossier” Zürich

Weidwerk Ausgabe März 2018

Aufgrund einer von der Tierpartei Schweiz Anfang 2017 eingereichten Initiative kommt es voraussichtlich Mitte 2019 im Kanton Zürich zu einer Volksabstimmung über die Abschaffung der bürgerlichen Jagd. -Alarmierend, nicht nur für die Schweizer Jägerinnen und Jäger!

Im Kanton Zürich reichte die Tier­partei Schweiz Anfang 2017 eine Initiative mit dem Titel “Wildhüter statt Jäger” ein. Mit rund 7.000 beglaubigten Unterschriften (6.000 wären nötig gewesen) ist das Begehren gültig, und es wird voraussichtlich Mitte 2019 zur Volksabstimmung kommen, sofern die Initiative nicht zurückgezogen wird. Diese fordert die Abschaffung der bürgerlichen Jagd (“Milizjagd”, “Volksjagd”) und die Einführung der Verwaltungsjagd (ausgeführt durch Berufsjäger und Wildhüter).

Jagd in der Schweiz

Für das Verständnis der Situation ist Folgendes wichtig: Das Jagdrecht in der Schweiz ist – anders als in Öster­reich oder Deutschland – nicht an das Grundeigentum gebunden. Das Jagd­regal (das hoheitliche Recht, die wild lebenden Säugetiere und Vögel jagdlich zu nutzen) liegt beim Staat, genauer gesagt bei den Kantonen, die entweder Reviere verpachten und Lizenzen ver­kaufen oder die Jagd selbst betreiben (Verwaltungsjagd). Es gibt in der Schweiz drei Systeme:

  • das Reviersystem (analog zu Öster­reich und Deutschland),

  • das Patentsystem und

  • die Verwaltungsjagd (wie im Kanton Genf, bei der Berufsjäger, sogenannte ,,Wildhüter”, die jagdlichen Auf­gaben ausführen).

Nimmt das Zürcher Stimmvolk die Ini­tiative an, so ist der Kanton verpflichtet, das neue System – die Verwaltungsjagd – innerhalb von zwei Jahren gesamt­flächig (im etwa 1. 700 km2 großen Kanton Zürich) einzuführen.

Was wollen die Initianten?

Die drei Kernpunkte der Initiative “Wildhüter statt Jäger” sind:

  • Durchsetzung der Selbstregulierungsdoktrin,
  • Abschaffung der Jäger bzw. der Milizjagd und Einführung der Verwaltungsjagd sowie

  • minimale jagdliche Eingriffe, gesteuert durch eine “Fach­kommission”.

Die „natürliche Regulierung” (Selbst­regulierungsdoktrin) soll im neuen System im Vordergrund stehen. Kranke oder verletzte Wildtiere dürften, wenn überhaupt, nur durch vom Kanton angestellte “Wildhüter” erlegt werden. Im Fall von Wildschäden bzw. bei der Wildschadensabwehr dürften die staat­lichen “Wildtierexekutionsbeauftragten” nur dann eingreifen, wenn vorher “alle erdenklichen Maßnahmen” nicht erfolg­reich waren. Eine „Fachkommission”, gleichwertig bestehend aus “Wild­hütern, Wildtierbiologen, Veterinären und Vertretern aus Tier- sowie Arten­schutzorganisationen”, würde über Maßnahmen und Eingriffe bestimmen.

Risiken und Nebenwirkungen

  • “Alle erdenklichen Maßnahmen”
    Alle erdenklichen Maßnahmen werden eine Totaleinzäunung der Landschaft mit sich bringen. Mehr Zäune heißt mehr Wild, das sich stranguliert, durch Schock stirbt oder im Zaun hängen bleibt und verhungert. Auch zu Beschallungen wird man greifen. Und dann ist es mit der Ruhe in der Natur endgültig vorbei: Stress für alle Tiere rund um die Uhr. Sogar eine „Antibaby­pille” für die Verursacher von Wildschäden wird bereits diskutiert. Bei großflächiger Anwendung würde dadurch nicht nur das Wildbret dauerhaft entwertet, sondern es würden auch Stoffe über Losung und Kadaver in den natürlichen Kreislauf gelangen und dann mit Hormonen angereicherte Steinpilze hervorgebracht werden. – Guten Appetit!
  • Keine Nutzung
    Mit Blick auf die natürliche Regu­lierung in der Kulturlandschaft und die Eingriffe bei kranken Tieren ist der Initiativtext widersprüchlich: Krankheiten sind natürliche Regu­lierung, aber ein bisschen Tier­schutz soll noch sein, deshalb sind doch jagdliche Eingriffe vorgesehen. Vielleicht bedeutet die geplante “natürliche Regulierung” nur Wolf, Bär, Luchs und Straßenverkehr – das wissen nur die Initianten. Sicher ist jedoch, dass keine jagdliche Bewirtschaftung (Gewinnung von Wildbret, Pelz und Horn) vorgesehen ist. Ein Importverbot für Wildbret aus den benachbarten Kantonen und Ländern wäre eigentlich nur logisch, wird in der Initiative aller­dings nicht erwähnt.

  • Keine Mitsprache
    Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass die Land- und Waldbesitzer zwar alle “zumutbaren Maßnahmen zur Schadensverhinderung” treffen und natürlich auch tragen müssen, gleichzeitig haben sie aber kein Mitspracherecht in der “Fach­kommission”. Ein Mitspracherecht für die direkt Betroffenen ist in der Initiative also nicht vorgesehen.

  • Was ich nicht habe, kann oder will, sollst du auch nicht haben, können oder wollen!
    Die Jagd ist ein Recht. Jeder Bürger, der die Voraussetzun­gen erfüllt und die nötigen Prüfungen ablegt, hat das Recht, die Jagd auszuüben. Würde die Initiative angenommen, müsste dem Bürger dieses Recht genommen werden, weil man die Jagd bzw. den Miliz­jäger als unmoralisch bewertet. Unter diesem Aspekt kann man die Initiative auch als Versuch ansehen, moralische Vorstellungen per Gesetz durchzusetzen, das heisst, den Bürger zu bevormunden.

  • Tierleidfördernd
    Unter dem Aspekt des Tierschutzes ist die Initiative höchst proble­matisch. Ein Beispiel: Unter dem Status quo rückt bei Wildunfällen ein Jäger mit Hund aus, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die flächen­deckende Präsenz der Jäger (rund 1.500 Jäger in 171 Revieren) garan­tiert Bereitschaftszeiten, wie sie fünfzig, hundert oder wie viele Wild­hüter auch immer niemals leisten können. Bei angefahrenem, bewegungsun­fähigem Wild führt das un­weigerlich zur Verlängerung der Leidenszeit und bei Fluchtfähig­keit zu einem langsamen, qualvollen Tod. Abgesehen davon würde die unkontrollierte Vermehrung des Wildes, wie sie die Initiative vor­sieht, mehr Wildunfälle zur Folge haben. Die wenigen Wildhüter wären auch bei anderen Ereignissen (Hunderisse, Hängenbleiben im Zaun) weniger effizient. Und wie eine Handvoll Wildhüter bei der Kitz­rettung bzw. Prävention die gleiche Leistung erbringen soll wie die Miliz­jäger, bleibt offen. Auch bei der Früh­erkennung und dem Eingreifen bei Krankheiten schneidet die Milizjagd besser ab: Der Jäger vor Ort, der täglich im Revier ist, sieht den räudigen Fuchs, den der Berufsjäger nie zu Gesicht bekommt. Der Fuchs stirbt einen grausamen Tod. Der Milizjäger dagegen kann den Fuchs schon im Früh­stadium der Räude erlegen und ihm so viel Leid ersparen. Die Initiative tritt den Tier­schutz mit Füßen und erinnert in Gestaltung und Auftreten an eine Aussage holländischer Anti-Jäger­ Fanatiker: “Das Leid der Tiere ist immer noch besser als die Jagd.”

  • Kosten
    Der Regierungsrat des Kantons Zürich hat die jährlich wieder­kehrenden Kosten bei einer Um­setzung der Initiative auf 20-30 Mio. Schweizer Franken (etwa 17-26 Mio. Euro) im Jahr beziffert. Ein astro­nomischer Betrag für weniger Tier­schutz und mehr Tierleid. Daneben entfallen die Pachtgebühren und andere Leistungen der Jäger (zum Beispiel Mitarbeit bei ökologischen Aufwertungsprojekten), und nicht zuletzt würde der Kanton für die auftretenden Wildschäden haften.

Wer sind die Initianten?

Die Tierpartei Schweiz und ihre Unterstützer sind Teil der Tierrechts­bewegung. Das heißt, sie fordern in der einen oder anderen Form nicht nur Tierrechte, sondern damit einher­gehend auch eine vegetarische oder vegane Ernährung. Eines der Ziele der Tierpartei Schweiz ist die “tier­leidfreie” Ernährung.

Die Tierpartei Schweiz kommt nett, brav, gefällig, ja sogar sympathisch daher. In der praktischen Konsequenz ist sie aber, wie die Initiative zeigt, nicht weniger radikal als ihre inter­national vernetzten Unterstützer, die den unterschiedlichsten ideologischen Strömungen angehören. Allen gemein­sam ist die Überzeugung, dass die Milizjagd und mit ihr die Jäger eine Art “moralische Umweltverschmu­tzung” darstellen würden und folg­lich dem ethi­schen Fortschritt im Weg stünden. Es geht den Ini­tianten und ihren Unterstützern letztlich nicht um die Tiere, sondern um die Durch­setzung einer Ideologie, die zu einer besseren, gerechteren und ,,tierleidfreien” Welt führen soll. „Du ollst nicht jagen!” heißt auch “Du sollst nicht angeln!”, ,,Du sollst nicht Vieh züchten!”, ,,Du sollst nicht reiten!” oder „Du sollst keine Blinden­hunde haben!” (Ausbeutung!).

Warum diese Initiative?

Vor 10 oder 15 Jahren wäre die Zeit dafür noch nicht reif gewesen, weil der Tierrechtsgedanke noch zu wenig verankert war. Zwischenzeitlich haben PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) und Co sowie Sympa­thisanten aus dem Bildungssektor ganze Arbeit geleistet. Die Tierrechts­bewegung bzw. deren Gedankengut hat es geschafft, von der Peripherie ins Zentrum zu rücken, und taktet in Deutschland die Gesetzesentwürfe und Jagddebatte. Die Würde des Tieres in der Schweizer Bundesverfassung ist ein ,,Verdienst” der Tierrechtsbewegung, ebenso wie es der Artikel 13 im “Vertrag von Lissabon” (EU-Grundlagenvertrag bzw. -Reformvertrag- ein völkerrecht­licher Vertrag zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union) ist, in dem die Tierrechte im Grundsatz fest­gehalten sind. In diesem Zusammen­hang ist die Zürcher Initiative als weiterer Markstein auf dem Weg zur Befreiung der Tiere und zur Schaffung einer besseren Welt zu sehen. Getragen vom Enthusiasmus urbaner, junger, gebildeter Menschen, nutzt die Tier­rechtsbewegung linksbürgerliche !deale und spricht mit ihren emotionalen Auftritten und ihrer Weltverbesserungs­dogmatik breite Kreise an. In der Zürcher Initiative manifestiert sich der tierrechtsbewegte Zeitgeist. Und das ist keine Lappalie: 7.000 Unter­schriften sind nicht nichts!

Ist die Initiative mehrheitsfähig?

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Aber warum sollte die Initiative nicht mehr­heitsfähig sein? Man hat in letzter Zeit auf der weit- und europapolitischen Bühne einige Überraschungen erlebt, und was im Großen gilt, kann sich auch im Kleinen wiederholen.

Ein Rückblick ins Jahr 2013 muss zu denken geben: Damals wurde im Kanton Basel-Stadt eine parlamen­tarische Motion (keine Volksinitiative!) behandelt, die dort die Einführung der Verwaltungsjagd bzw. die Ab­schaffung der Milizjagd forderte. Die Abstimmung ergab 31 Stimmen dafür, 41 dagegen und 12 Enthaltungen. Im Vorfeld der parlamentarischen Ab­stimmung in Basel-Stadt wurde mit exakt den gleichen Argumenten ope­riert (und es waren auch die gleichen Gruppierungen aktiv), wie das heute in Zürich der Fall ist. Wertet man dieses Ergebnis als Stimmungsindikator, so ist die Herausforderung für die Zürcher Jäger beträchtlich.

Die Fläche des Kantons Zürich beträgt rund 1.700km². Davon sind etwa 30% Wald und Gehölze, rund 40% Landwirtschafts- sowie rund 20% Siedlungsfläche. 96,5% der Bevölkerung leben in der Stadt oder in stadtnahen Gebieten, nutzen die Natur für Er­holung und Freizeit, wissen aber wahrscheinlich nur wenig über die Zusammenhänge in der Kulturland­schaft – und über die Rolle der Jagd noch weniger, weil es bis dato keinen Anlass gab, sich damit zu beschäftigen. Anders gesagt: Weil die Zürcher Jäger ihre Aufgaben unauffällig und effizient erfüllt haben, fehlt in den städtischen Gebieten da und dort möglicherweise das Bewusstsein für ihre Leistungen!

Was bedeutet das?

Die Initianten versprechen sich bei einem Erfolg zu Recht nationale und internationale Signalwirkung und hoffen auf einen Dominoeffekt. Nicht zufällig mischen in der Propaganda für die Initiative bereits deutsche Jagd­gegner bzw. Jägergegner – wie auch schon in Basel – fleißig mit. Klappt es im Kanton Zürich, klappt es auch anderswo. Mit einem Modellfall Zürich könnte man auch dort politisch Druck ausüben, wo keine Volksabstimmungen möglich sind. Vorerst aber sind die Zürcher Jäger gefordert – und zwar in Sachen Kommunikation. Die Ausgangs­lage präsentiert sich auf den ersten Blick wie folgt: Die Initianten können in ihren Kampagnen nur auf „Bambi”, Tierrechts-Slogans und Anfeindungen gegen Jäger setzen, weil anderweitig keine Substanz vorhanden ist. Ihre Kontrahenten – die Jäger – sind dagegen zur Sachlichkeit gezwungen, weil nicht nur die Jagd als Kulturgut zur Debatte steht, sondern auch das Miliz­system an sich. Das schweizerische Milizsystem beruht auf der Tradition, dass öffentliche Aufgaben nebenberuf­lich wahrgenommen werden (Feuer­wehr, Parlament, Samariter, Militär usw.), und die Jagd ist einer der Bereiche, in denen das bestens funktioniert. Jetzt gilt es umso mehr, der nicht jagenden Bevölkerung die Aufgaben und Leistungen der Jäger – auch für die Allgemeinheit – bewusst zu machen. Und das nicht nur in der Schweiz …

2018-04-09T09:50:33+00:0027.03.18|