So sehe ich das

Janine Egli im Interview mit der Schweizer Familie Ausgabe 16/2018

Leute, die mich kennenlernen, glauben im ersten Moment nicht, dass ich Jägerin bin. Sie können es nicht mit dem Bild in Übereinstimmung bringen, das sie von mir als Frau haben. «Was, du tötest Tiere?», höre ich oft. Doch sobald ich zeige, was die Jagd wirklich bedeutet, verändert sich ihr Blick.

Das Waidwerk hat nur ein Ziel: den Winklang zwischen Mensch und Natur. Zum Beispiel bringen wir Wildwarner an den Strassen in unserem Revier an oder verblenden vor dem ersten Heuschnitt die Wiesen, damit die Rehmamas ihr Junges rausholt. Ich suche mit meinem Hund selber Kitze. Finden wir eines, nehme ich ganz viel Gras, lege es drauf und trage es mit Handschuhen zum Waldrand, damit die Mutter es dort findet. Was auch viele Leute nicht wissen: Wenn ein Wildunfall passiert, alarmiert mich die Polizei. Egal zu welcher Zeit, mein Hund und ich rücken aus. Ich erlöse das verletzte Tier. Auch wenn es schon tot ist, kümmere ich mich darum. Klar, ich jage auch. Und schütze damit den Wald vor zu viel Verbiss. Dafür kann ich für mein Fleisch von A bis Z selber sorgen. Ich liebe alles vom Reh. Sogar die Knochen. Die geben einen Superfond.

Bis ich einen Schuss antrage, müssen viele Faktoren stimmen. Habe ich einen Kugelfang? Das kann entweder aus dem Boden, oder, vom Hochsitz aus, auch das Erdreich sein. Bietet sich eine freie Schussbahn zum Herzen? Kann ich mit Feldstecher das Reh ansprechen, also erkennen, ob es ein Bock oder eine Geiss ist, Junge hat trächtig ist, gesund oder krank? Wenn etwas nicht passt, schaue ich ihm einfach zu und geniesse seinen Anblick.

Nach dem Schuss klettere ich nicht sofort vom Hochsitz. Ich warte, lasse Ruhe einkehren. Erst dann gehe ich zum toten Tier und gebe ihm den Bruch. Das ist der letzte Bissen, meist ein Tannenzweig, den ich ihm als Ehrerweisung in den Äser gebe, wie wir dem Maul sagen. Dann verweile ich noch einen Moment bei ihm und bedanke mich still.

2018-04-19T08:58:08+00:0018.04.18|