Weidmannsleid

Unsere Autorin hat sich für einen Naturmenschen gehalten. Frohen Herzens meldete sie sich zur Jägerprüfung an. Sie hatte ja keine Ahnung.

Es beginnt zu dämmern, als im Wald Hufgetrappel ertönt und in rasender Eile näherkommt. Dem Klang nach zehn Stück Rehwild bestimmt, vielleicht mehr. Schon bricht das Rudel durch die Dickung und galoppiert an meinem Hochsitz vorbei, wunderschön anzuschauen, nur dass es keine Rehe sind. Sondern Impalas.

Antilopen in einem bayerischen Forst, wie kann das sein? Das ist der erste Gedanke, gejagt von einem noch quälenderen: Wo in Heintges’ Lehrheft steht das Impala-Kapitel? Ist es denkbar, dass ich das überlesen habe und nichts weiss über Gehörnentwicklung, Zahnwechsel und Brunftzeit der Impala-Antilope, oh Schreck, oh Schreck, wie viele Tage noch bis zur Prüfung?!

Dann wache ich auf.

Ich sitze tatsächlich auf einem Hochsitz. Mir ist kalt. Die selbstheizenden Einlegesohlen geben gerade den Geist auf, ebenso die Wärmflasche auf meinem Schoss, da hilft es auch nichts, dass ich mit Daunenjacke und Handschuhen im Schlafsack hocke. Es ist der 16. Dezember, acht Uhr morgens, zwei Grad unter null. Die Lichtung zu meinen Füssen ist leer. Ich habe eineinhalb Stunden geschlafen und bin in der Realität meines Jagdkurses erwacht.

«Du machst was?» Das ist die erste Lektion, bevor es überhaupt angefangen hat: Die meisten Menschen, wenn sie nicht zufällig aus einem Jägerumfeld stammen, haben für das Vorhaben, den Jagdschein zu machen, wenig oder gar kein Verständnis. Sie schauen einen mitleidig an, weil sie eine Lebenskrise vermuten, oder misstrauisch, weil man eine Waffennärrin sein könnte, die es geil findet, wehrlose Geschöpfe abzuknallen. «Schiesst du dann auch auf Rehkitze?», mailt eine Kollegin.

Ich schiesse nicht auf Rehkitze. Nicht, weil ich es prinzipiell verwerflich finde, sondern weil es mir keine Freude bereiten würde. Ich will auch gar nicht Jägerin werden, sondern Falknerin. Mein Leben lang schaue ich schon den Vögeln und ganz besonders den Greifvögeln hinterher; bei der Vorstellung, mit einem Falken auf die Jagd zu gehen, den ich nach einer uralten Kunst ausgebildet habe und der dennoch wild geblieben ist, kriege ich Gänsehaut.

Um den Falknerschein machen zu dürfen, braucht man in Deutschland aber den Jagdschein, also melde ich mich an. 60 Stunden Theorie, 60 Stunden Jagdpraxis, sechs Monate Zeit: Das klingt hart, aber doch machbar, und meine Familie findet es toll. Als ich das Formular abschicke, bin ich glücklich.

«Du machst was?», sagt meine Mutter am Telefon. Sie betet alles runter, was ich vielleicht ein wenig ausgeblendet habe, dass ich nämlich viel arbeite, werktags alleinerziehend bin und für alles andere schon jetzt zu wenig Zeit habe, in ihrer Stimme schwingt Entsetzen. «Kind», sagt meine Mutter, «du spinnst.» Wie recht sie hat, begreife ich in Etappen.

An einem Donnerstag im September finden wir uns im Hinterstüberl eines Münchner Jagdgeschäfts ein, zur ersten von 20 Theorie-Einheiten: 18 Jagdschüler, alle Berufsgruppen, sämtliche Altersstufen von Mitte zwanzig bis Ende fünfzig, die Hälfte von ihnen Frauen. Die Motivationen? Vielfältig.

Die eine will ihren Dackel zum Jagdhund ausbilden, der andere hat ein Stück Wald geerbt und weiss nicht, was er damit anstellen soll. Der Nächste würde tatsächlich gerne schiessen, die Übernächste ihren Job als Anwältin am liebsten hinwerfen und eine Naturbegegnungsstätte auf dem Land aufziehen. Das Einzige, was uns in diesem Moment verbindet, ist die diffuse Sehnsucht, unserem rasenden Leben als Städter etwas Sinnstiftendes entgegenzusetzen. Damit sind wir wohl der Trend.

Immer mehr Menschen machen den Jagdschein, tatsächlich. Im vorigen Jahr waren es deutschlandweit fast 17’000, darunter so viele Frauen wie noch nie. Der Schorsch, ein Waidmann vom alten Schlag, bei dem wir im Oktober zum Hochsitzbau antreten, wird unter fünf Anwärtern drei Frauen zählen und die Welt nicht mehr verstehen: «Warum macht jetzt eine Dame den Jagdschein?» Dem Franz in seiner Starnberger Wildkammer wird der Satz «Schön ist nicht das Wild, schön ist nur ein Weiberarsch» herausrutschen, was ihm hinterher ein wenig peinlich ist, weil ja Frauen anwesend sind. Dann wird er uns Wildfleischpflanzerl braten.

Nun aber Waffentheorie, Teil 1:

Die Vorstellungsrunde entfällt, es geht direkt los, das Tempo ist atemberaubend. Nach einer halben Stunde sind die Grundzüge des Waffenrechts erläutert, nach einer weiteren Stunde die Büchsen, Flinten, Bockbüchsflinten, Drillinge, Stutzen und Repetierer abgehakt, es folgen die Verschlusssysteme, Abzugsvorrichtungen, Französischer Stecher, Doppelzüngelstecher, soll das ein Witz sein? In der dritten Stunde fasse ich mir ein Herz und melde mich: «Und was davon müssen wir jetzt genau wissen?»

Unser Ausbilder legt die Kurzwaffenattrappe aufs Pult, schiebt die schwarzen Stirnfransen beiseite und schaut mich an. Er versucht zu ergründen, ob ich ihn hier verarsche oder einfach nur doof bin. Er sagt: «Ja, alles halt.» Kurz vor Mitternacht google ich zum ersten Mal Jagdschein-Leidensberichte im Internet. Wie sich herausstellt, haben meine Mutter und ich keinen Schimmer, was auf mich zukommt.

Der Stoff ist ein Monster. Sechs Sachgebiete, jedes einzelne so umfassend, dass einem schwindlig werden kann: Haar- und Federwild. Waffen. Wildhege und jagdliche Praxis. Jagdhunde. Jagdrecht. Naturschutz, Landbau und Forstwesen. Die neun Heintges-Arbeitshefte, in denen das alles aufbereitet ist, bringen es insgesamt auf 1200 Seiten und vier Kilo Papier.

Im Internet berichten Menschen, dass sie beim Lernen Heulkrämpfe gekriegt hätten vor Überforderung, dass ihnen schon die schriftliche Prüfung alles abverlangt habe, die mündliche aber der schwarze Schlund der Hölle gewesen sei. Und nirgendwo, das schreiben eigentlich alle, sei die mündliche Prüfung schwerer als in Bayern.

Es gibt in Bayern Anbieter, die bläuen dir das Nötigste in einem dreiwöchigen Crashkurs ein und karren dich dann nach Nordrhein-Westfalen, dort fallen nur sieben Prozent durch. Bayern: 27 Prozent. Darauf sind sie hier ein bisschen stolz.

Nun bekommt ein Jagdscheininhaber in der Regel eine Waffe in die Hand, und da ist es bestimmt nicht verkehrt, die grössten Dummköpfe schon bei der Prüfung auszusortieren. Auch richtet sich der Stoff, so, wie er gelehrt wird, nicht nur an den zukünftigen Schützen, sondern auch an den Jäger als Hundeführer, Lebensmittelunternehmer, Umweltschützer und Ansprechpartner für Bauern und Forstwirte. Der Rest aber muss Schikane sein.

Warum ich 150 Wildblumen erkennen, alle Arten der Bodenbearbeitung beherrschen und wissen muss, im wie vielten Monat der vierte Prämolar im Schwarzwildkiefer von drei- auf zweiteilig wechselt, kann mir bis zum Schluss keiner wirklich erklären.

Ich beschliesse, das Schiessen wegzulassen und nur die eingeschränkte Jägerprüfung zu machen. Damit entfällt die praktische Prüfung am Schiessstand, die Waffentheorie und sonst leider nichts.

Jagdpraxis im November: Präparationskurs, Aufbrechen und Zerwirken, Trichinenkurs bei der Metzgerinnung über die Diagnose von Fadenwürmern. Celia (alle Namen geändert, d. Red.) fällt vom Hochsitz, Monika wird beim Abhäuten eines Gamskopfs schlecht. Drei von uns überlegen hinzuwerfen.

Jeder Jagdschüler jenseits der vierzig stellt sich früher oder später die Frage, ob er das überhaupt noch kann: lernen. Anfangs denke ich, dass mir der Stoff schon irgendwie ins Hirn rutschen wird. Aber das tut er nicht. Ich versuche es mit vielfarbigem Unterstreichen, zwecklos. Dann spreche ich die wichtigsten Inhalte aufs Handy und höre sie an, wenn ich ins Büro radle, ohne Erfolg.

In den Herbstferien nehme ich zum Schrecken meiner Familie das Haar- und das Federwild-Heft mit in die Berge und versuche, die ersten 200 von 1300 Multiple-Choice-Fragen aus der schriftlichen Prüfung zu beantworten. Mehr als die Hälfte falsch. Bis zur Anmeldung in zwei Monaten fehlen mir noch 45 Praxisstunden.

Jagdpraxis im Dezember: Ansitzen, Fährtenarbeit mit Jagdhunden, Fallenlehrgang. Monika erzählt, dass sie jeden Abend beim Lernen einschläft, Thorsten muss genau jetzt eine Grossbaustelle managen und weiss nicht, wie lange er noch durchhält. Celia verschiebt die Prüfung um drei Monate.

Die Begeisterung meiner Familie ist inzwischen abgekühlt. Sie finden, dass ich entweder nicht da bin oder in den Heintges starre und nicht den Eindruck erwecke, als hätte ich Spass. «Lass es halt bleiben, wenn es so ätzend ist», sagt mein Freund.

Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, den Stoff in Mikroteilchen zu zerhacken und auf Karteikarten zu schreiben. Mehr als tausend sind es bis zum Schluss. In der Mittagspause lerne ich die Jagdzeiten von 50 Wildarten auswendig, die Wochenenden frisst die Jagdpraxis. Abends sitze ich jetzt manchmal auf dem Sofa und weiss nicht mehr, warum ich mir das antue. Dann schaue ich auf Youtube Falkner-Videos an.

Langsam, Puzzleteil für Puzzleteil, fügt sich ein Bild der Jagd zusammen, das nichts mit dem zu tun hat, was ich mir einmal vorgestellt habe. Es scheint eher selten so zu sein, dass du lustig in den Wald läufst und den Zwölfer erlegst, damit du die Trophäe übers Sofa hängen kannst. Die Jagd ist umzingelt von einem so gewaltigen Dickicht von Vorschriften und sachlichen Verboten, dass das Schiessen fast Nebensache ist.

Erlegt werden dürfen überhaupt nur Tiere, die dem Jagdrecht unterliegen und gerade Jagdzeit haben. Dann muss der Wind stimmen und die Schussentfernung, ein natürlicher Kugelfang muss vorhanden sein und der Abschussplan berücksichtigt werden. Und am Ende muss der Bock immer noch breit stehen, damit der Schuss unmittelbar tödlich ist.

Über all dies wölbt sich das Konzept der Waidgerechtigkeit, das teils in Gesetzestext gegossen, teils ein Ehrenkodex ist. In einem Rudel immer das schwächste Stück beschiessen. Kein Schuss auf führende Stücke, also Muttertiere, kein Schuss auf einen Hasen, der in einer Bodenmulde kauert. Krankgeschossenes Wild muss mit Hunden nachgesucht und schleunigst erlöst werden.

Und so weiter, und so weiter, und die meiste Zeit hast du im Revier ohnehin anderes zu tun, da Paragraf 1 des Bundesjagdgesetzes den Jäger zur Hege verpflichtet. Das ist dann schon Naturschutz, ausbuchstabiert in Paragraf 2: «Die Hege hat zum Ziel die Erhaltung eines (…) artenreichen und gesunden Wildbestandes sowie die Pflege und Sicherung seiner Lebensgrundlagen.» Den Satz müssen wir natürlich auswendig lernen.

Ob das alles auch genau so praktiziert wird, wer weiss. In sechs Monaten kommen wir nicht mal in die Nähe einer Jagd.

Im Dezember passiert etwas Unerwartetes, ich schaue nämlich aus dem Fenster und sehe im Hinterhof eine Esche. Sie steht da natürlich schon lange, nur war es für mich immer irgendein Baum. Dann bringt mein Freund von einer Skitour das Foto einer Fährte mit, und sie stammt von einem Fuchs, der im Schnee nach Mäusen gejagt hat.

Am Glühweinstand hängt das Geweih eines ungeraden Zehners, fünf Enden rechts, vier Enden links. Im Forstenrieder Park, wo wir so oft waren, sehe ich diesmal Rotwildfährten, verbissene Lärchen, von Sauen aufgebrochene Wiesen und die zarten Buchen- und Eichentriebe, die unterm Schirm der Altbäume heranwachsen. Das sind die guten, kindisch glücklichen Momente: Wenn man merkt, dass das Wissen den Blick verändert.

Ich habe mich immer für einen Naturmenschen gehalten. Tatsächlich, und das ist ein bitteres Erwachen, wusste ich über die Natur um mich herum nahezu nichts.

Jagdpraxis im Januar: Ansitzen, Vogelexkursion, Fütterungen beschicken.

Ich habe mir freigenommen und lerne jetzt vier bis fünf Stunden am Tag. Am schlimmsten sind die Sträucher, gefolgt von den Wildkrankheiten und Parasiten. Einmal lese ich meinem Sohn aus Harry Potter vor und sage «Trichine» statt «Tribüne», ehrlich wahr. Mein Sohn schaut mich seltsam an. Wir wissen beide, es wird Zeit.

Die schriftliche Prüfung findet in einem Hörsaal der Münchner Uni statt, die Ränge bepackt mit angstbleichen Jagdschülern. Von den 1300 Multiple-Choice-Fragen bekommen wir 100, und gleich bei der zweiten («Wann wirft der mittelalte Hirsch sein Geweih ab?») habe ich einen Vollblackout. Danach geht es gut, und zwei Tage später kommt der Brief vom Amt für Landwirtschaft und Forsten: «Sie sind zur mündlichen Prüfung eingeladen.» Nur noch vier Wochen! Ist das jetzt gut oder schlecht?

Am 2. März wache ich früh auf und fühle vorsichtig in meinen Kopf hinein. Voll ist kein Ausdruck. Ich kann die neun Teile der Brauchbarkeitsprüfung für Jagdhunde herunterbeten, einen Stein- von einem Baummarderschädel unterscheiden, die Böhmische Streife erläutern, eine Schweinepest-Niere erkennen, und von 30 Bäumen sagen, ob sie Tief-, Flach- oder Herzwurzler sind. Wenn ich nach all dem hier durchfalle, werde ich mir das niemals verzeihen.

Die mündliche Jägerprüfung läuft ab wie ein Speed-Blind-Date: sechs Tische, für jedes Fachgebiet einer (bei mir fallen die Waffen weg), dahinter je ein Prüfer; alle zwölf Minuten wird durchgewechselt. Ich fange am Wildbiologie-Tisch an und versemmele die allererste Frage, indem ich das ordinäre Bastgeweih eines Rehbocks zum krankhaften Perückengehörn erkläre. Oh je.

Dann aber läuft es. Jagdrecht und Jagdpraxis ohne Probleme, ein paar Stolperer am Hunde-Tisch, weil es ausgerechnet um die Rasse der Schweisshunde geht, die mir immer ein Rätsel war, am Naturschutz-Tisch mache ich den Haselzweig zur Erle, worauf die Prüferin so schockiert aussieht, dass mit dem Schlimmsten zu rechnen ist. Und dann ist es vorbei.

Während sich die Prüfer beraten, reden wir nicht viel. Nach zehn Minuten wird der Erste hereingerufen und ist durchgefallen. Und die anderen fünf haben bestanden.

Zurück fahre ich vor Glück und Benommenheit Tempo 70 auf der Autobahn. Draussen ziehen die grossformatigen Äcker der industriellen Landwirtschaft vorbei, von denen ich nun mit Sicherheit sagen kann, dass sich kein Fasan und kein Rebhuhn je darauf blicken lassen wird, weil die Hecken, Remisen und Feldraine fehlen, in denen sie Deckung finden, und die Insekten, von denen sie leben, den Pestiziden zum Opfer gefallen sind. Weit mehr als eine Million Rebhühner gab es mal in Deutschland, davon sind weniger als 50’000 Brutpaare übrig – auch das haben wir gelernt. Nur so ein Gedanke: Wenn die Jagdkurse im ganzen Land gerade ausgebucht sind, bedeutet das nicht auch, dass immer mehr Menschen die Abläufe der Natur und die Rolle des Menschen darin verstehen werden?

Denn das wäre dann ja gut, nicht?

 

2018-06-18T09:16:12+00:0004.05.18|